Studiensemester für Pfarrer Michael Ehrlichmann an der Universität Greifswald

Greifswald2

Pfarrer Michael Ehrlichmann | 11.05.2021

Unsere Landeskirche, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, bietet ihren Mitarbeiter*innen immer wieder Studiensemester im Rahmen der Weiterbildung an. In diesem Jahr hat Pfarrer Michael Ehrlichmann, Pfarrer in Remda, diese Möglichkeit genutzt. Ich habe ihn gebeten, uns im Rahmen von kurzen Berichten, Einblick in seine Studienerlebnisse zu bieten. Seine Berichte lassen uns Anteil nehmen und im Rahmen des gemeinsamen Dienstes verbunden bleiben.

Superintendent Michael Wegner


Michael Ehrlichmann
Greifswald - IEEG: Sabbatical 2021

Erster Einblick 6. - 10. April

Von vergessenen Ostereiern - gefundenen Beffchen - und viel Kuddel - moodle

   

Ja, Ihr Lieben daheim,
nun bin ich also eingeschlagen: mitten im Ostseeviertel in Greifswald. Wenn man mit dem Bus fährt, ist das Ostseeviertel 2.

Das ist hier alles Platte, Viertel um Viertel, Kilometer um Kilometer. Ich wohne im 5. Stock der Vitus-Bering-Str. 4, mit kurzem Blick auf die Turnhalle der "Caspar David Friedrich" Regionale Schule.
Der weite Blick geht bis ans "Dänische Wieck", so heißt die Bucht hier. In fünf Minuten bin ich zu Fuß am Ryck, einem Kanal, der den Hafen Greifswald mit dem Ortsteil Wieck verbindet, einem alten idyllischen Fischerdorf. Dieser liegt an der Mündung von Ryck und Wiek. Der Namensgeber der o.g. Schule, wohl eines der bekanntesten Kinder Greifswalds, fand hier eines seiner berühmten Motive. Ein anderes findet man, geht man von Wieck weiter nach Eldena, dort stehen noch heute die eindrucksvollen Ruinen des ehemaligen Zisterzienserklosters "Hilda"/"Eldena".

Mein Zimmer bekam ich über das Werk in der Pommerschen evangelischen Landeskirche "GreifBar", das sich zugleich sowohl als Werk als auch als christliche Gemeinde versteht. Sie konnten mir einen Medizinstudenten vermitteln, der seine Wohnung während des "Praxis Semesters" nicht braucht. "GreifBar" ist im Ostseeviertel sehr stark religiös und sozial engagiert. Dazu gehört das Angebot von Hilfen, z. B. beim Einkaufen, oder aber auch das Angebot von Gottesdiensten. Mitten in der Platte gibt es viel Grün, in diesem Grün gibt es in meiner Straße einen Abenteuerspielplatz und auf diesem steht ein bunt bemalter Bauwagen. Dieser Bauwagen gehört "GreifBar" und die haben dort an Karsamstag einen "Oster- Feuerschalen Gottesdienst" abgehalten. Die Erlaubnis dazu, in diesen Zeiten zu bekommen, war nicht einfach, dementsprechend stolz und froh waren die Veranstalter. Bei bescheidenen Temperaturen unterhielten die Menschen von "GreifBar" die großen und kleinen Gottesdienstbesucher mit einem bunten, lustigen und musikalischem Ostergottesdienst. Da "Hamlet" und "Klecks", ihres Zeichens Theologiestudent und Theologiestudentin im Ganzkörperhasenkostüm und der Wohnung über mir, die Ostereier "vergessen" hatten, durften die kleinen Besucher sich diese nun selber im Außengelände suchen. In einer "Hasen-Challenge" mussten die beiden Hasen dann so schnell wie möglich nur mit dem Mund Himbeer-Gummidrops aus Mehl und Kakao fischen. Begleitet wurde diese Veranstaltung mit Gitarre und Gesang. Alles natürlich unter strenger Einhaltung der Hygieneregeln.
Wie gut "GreifBar" hier vernetzt ist, durfte ich ein paar Tage später erfahren, als ich auf dem Bürgersteig ein frisch gewaschenes und gestärktes Beffchen fand. Eine kurze E-Mail an "GreifBar" und drei Tage später konnte sich der Besitzer sein immer noch sauberes Beffchen wieder abholen.
Einen anderen open Air Gottesdienst bietet die Gemeinde der "Johanneskirche" an, ebenfalls mitten in der Platte.
Auch die Gemeinden der großen Innenstadtkirchen, Dom St. Nikolai und St. Marien, bieten Präsenzgottesdienste an.
Mein Leben als Sabbatianer und Gasthörer war zunächst geprägt durch viel Kuddel-moodle.
Gott sei Dank ist mein Internet ausreichend schnell und stabil genug, trotzdem gab es immer wieder Fragen, wie mit zoom und moodle umzugehen sei.
Ich hoffe, dass nach den ersten Stunden jetzt der Ablauf nächste Woche flüssiger sein wird.
Alle geplanten Präsenzveranstaltungen sind von der Kontaktbeschränkung betroffen.
So fanden auch die ersten Treffen der Sabbatianer nur per zoom statt. Kurze Andachten, breakout-sessions (Neudeutsch für: Kleingruppen), Verabredungen, alles startete per zoom.
Das Wochenende 4./5. April wollten wir gemeinsam in Klausur außerhalb verbringen, daraus wurde natürlich nichts. Stattdessen nutzten wir nach der zoom-session (=Sitzung) am Freitag, den Samstag zu einer Andacht in der Kirche in Wiek und lernten uns dann bei Tandemspaziergängen näher kennen.
Getroffen haben wir uns dann auch unabhängig zu Gottesdiensten an den verschiedenen Orten in Greifswald, so auch zum Gottesdienst von "GreifBar" in der Christuskirche, Platte, am Sonntagabend. Die Uni Greifswald lässt in diesem Semester alle Veranstaltungen nur im Netz abhalten.
Ich habe mir zwei Vorlesungen ausgesucht, das eine ist "Christen in Neuzeit und Moderne" bei Prof. Dr. Kuhn, das andere "Einführung in das AT II" bei Prof. Dr. Beyerle.
Gerade letztes verspricht sehr interessant zu werden, da sich in den letzten Jahrzehnten der Forschung über das AT doch einiges getan zu haben scheint.

Ja, Ihr Lieben daheim, das war die erste Woche mit viel Kuddel-moodle.
Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

Viele Grüße aus Greifswald,
bleibt behütet,

Ihr / Euer
Pfarrer Michael Ehrlichmann



Zweiter Einblick 11. - 18. April

Von gesunkenen Kuttern - dem IEEG - und Urlaubsfeeling

   
   
Sitz des IEEG in Greifswald "Johanna"

Ja, Ihr Lieben daheim,

trotz unseres wunderschönen heimatlichen Meeres dürfte es in Thüringen wohl eher selten zu beobachten sein, dass im Hafen ein alter Kutter absäuft. Aber so passierte es der armen, alten "Johanna" in Wieck. Ganz offensichtlich prägte sie über Jahre das Bild des Hafens. Unter anderem Namen schipperte sie vor Jahrzehnten Touristen vor den Kreidefelsen von Saßnitz hin und her, jetzt setzte sie sich am Donnerstag auf Grund. Mit viel Tamm Tamm bemühten sich Industrietaucher und Bergungsunternehmen, die altehrwürdige "Johanna" so weit anzuheben, dass das eingelaufene Wasser abfließen und abgepumpt werden konnte. Jetzt schwimmt sie wieder, aber wahrscheinlich nur, um nach ihrem letzten Turn verschrottet zu werden.

Ja, und da wir uns nun bereits in der zweiten Woche befinden, war es Zeit, dass die Mitarbeiter des IEEG sich und ihre Forschungsarbeiten einmal vorstellten.
Prof. Dr. Michael Herbst vom Leitungsteam begann und stellte seine Forschungs-schwerpunkte vor: Formen von Predigt und Gottesdiensten; Seelsorge und Psychotherapie; Gemeindeentwicklung. Er betrachtet das IEEG als "thinktank" und spürt große Leidenschaft für eine positive Kirche. In einem seiner Ansätze in der Gemeinde-arbeit versucht er "Zielstrebigkeit" und "Frömmigkeit" zusammenzubringen.
Die Forschung von Dr. Felix Eiffler, ebenfalls Leitungsteam, befasst sich mit der Frage: "Was für eine Kirche braucht die Stadt?" Er möchte lieber von "Quartier" reden als von "Parochie" und bemüht das "Doppelte Hören", nämlich erstens das Hören auf den gesellschaftlichen Kontext und zweitens das Hören auf Gott.
Vom Leitungsteam ist Dr. Patrik Todjeras der dritte im Bunde. Er beschäftigt sich mit der "Digitalen Kirche", "Postevangelikalismus", "De Konversion" und geht den Fragen nach: Wie verändert sich Kultur? Wie verändert sich die Frömmigkeit der Menschen?

Nach und nach stellten auch die anderen Mitarbeiter ihre Forschungsschwerpunkte vor:
Unter anderem waren das:
- Erprobungsräume in der EKM
- Umgang mit Statistiken
- Evangelisation und Diakonie: Was ist wichtiger?
(Ein Amtsbruder aus der Mission meinte dazu: "In Afrika wird das nicht auseinandergedacht!")
- Gemeindeaufbau: Soll alles Alte weg? Soll etwas bewahrt werden?
- Wie kann man Glauben vertiefen? Was macht man, wenn die Menschen das gar nicht wollen und was macht der Heilige Geist am Ende dabei?
- Wie wird der Begriff "Religion" begriffen, verstanden, benutzt?
- Wachsen und Schrumpfen

Mit diesen Beiträgen war die erste für alle sehr interessante Runde mit dem Team des IEEG beendet, aber nicht bevor derselbe Amtsruder noch meinte: "Jetzt muss man diese herrliche Theorie nur noch in die Praxis umsetzen!" Lassen wir das an dieser Stelle einfach mal so stehen...
Meine Uni - Vorlesungen im KG und AT sind noch in der Einführungsphase. Ich denke, nächste Woche wird es dann so richtig losgehen. Immerhin habe ich inzwischen zu hören bekommen, warum ich die damals so mühsam von mir erlernte "Urkunden-hypothese" (= AT: Jahwist-Elohist-Priesterschrift-Dtn. Geschichtswerk) den neueren Forschungsergebnissen nach inzwischen ruhigem Gewissen in die Tonne kloppen kann! Na, super...
Sehr erholsam war für uns Sabbatianer die Tandemwanderung am Freitag. Das Wetter war gut, die Natur um das "Haus der Stille" in Weitenhagen angenehm, so dass wir ein paar Stunden unsere physische Präsenz genießen konnten. U. Hein hatte viel zu schleppen, weil er für jede/jeden eine Thermoskanne Kaffee dabei hatte... Lieber Uwe, noch einmal herzlichen Dank dafür.

Für all den Stress (für die Humorlosen: das soll ein Witz sein!") entschädigte ich mich mit einem kurzen Törn nach Treefst und Lubmin. Ersteres ist ein kleines putzmunteres Fischerdörfchen und von zweitem wusste ich nicht, dass es sich dabei um ein so schönes, altehrwürdiges Seebad handelt. (Ja, ja, ich weiß, der Wessi in mir lässt grüßen!)

Ja, Ihr Lieben daheim,
ihr seht, es war wieder eine einmalig schöne und abwechslungsreiche Woche.
Die nächste hat bereits mit Gottesdiensten der Johannesgemeinde "open Air" an der "Kemnitzer Wende" und dem Gottesdienst von "GreifBar" in der "Christuskirche" begonnen.


Eine schöne Woche euch allen,
Viele Grüße aus Greifswald,
bleibt behütet!
Ihr / Euer


Pfarrer Michael Ehrlichmann


Dritter Einblick 19. - 25. April

Auch ich brauche Jesus - mein persönliches "Waterloo" - und "Erprobungsräume"

   
   
Mobile Kirche "Johannes-Gemeinde" Kemnitzer Wende Peenebrücke Wolgast

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Leserinnen und Leser,

seit Jahrzehnten versuche ich nun meinen lieben Nächsten das Evangelium von der Liebe Gottes zu allen Menschen näher zu bringen; immer den guten Willen und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes vorausgesetzt.
Das "Missionswerk Werner Heukelbach" titelt jeden seiner Werbebriefe mit "Auch du brauchst Jesus!", was mich in der Vergangenheit jedes Mal etwas schmunzeln ließ, fand ich einen solchen Brief im pfarramtlichen Briefkasten.
Hier, bei den Gottesdiensten von "GreifBar", erlebe ich nun, dass uns des Öfteren junge Frauen in Gebet und Wort von Gott erzählen. Für mich als alter Pfarrer plötzlich eine ganz andere Situation: mit einem Mal bin ich Hörer und zwar nicht der Worte eines altgedienten Profis, sondern der einer jungen Frau! Wow!
Ja, auch wir brauchen Jesus, wir altgedienten Profis. Viel zu oft vernachlässigen wir diesen Umstand und vergessen, dass der Liebe Gott, bei all seiner Fürsorge, auch uns etwas Bewegungsfreiheit gegeben hat, selbst ein klein wenig für unser Seelenheil zu sorgen.
Also genieße ich es, mich entspannt zurückzulehnen und den Worten Gottes zu lauschen, die eine junge Frau zu uns spricht... Der Herr segne an uns sein Wort!

Mein persönliches "Waterloo" erlebte ich während der Übung "Gemeindeaufbau".
Napoleon sagte zwar mal: "Niederlagen sind die Meilensteine auf dem Weg zum Erfolg" aber ich trage Bedenken...
Im Verlauf der Online-Übung wurden wir vom Leiter folgendermaßen instruiert:
"Ich schicke euch jetzt in breakout sessions, dort tauscht ihr eure E-Mail Adressen aus. Dann beantwortet ihr die Frage, wie man Online-seminare fruchtbarer machen kann und schickt die Antwort dann an die Nummer eins eurer Gruppe; wer die Nummer zwei, drei und vier sind, müsst ihr untereinander abklären und los geht’s... !"
Ich spürte nur noch, wie sich die Sicherungen für Fachliche Kompetenz, Online Kompetenz und Soziale Kompetenz unter Ausstoß virtueller Rauchwölkchen nacheinander verabschiedeten und somit ihren Dienst quittierten.
Als ich wieder zu mir kam, merkte ich, dass ich das meeting verlassen hatte.
Mein erster Gedanke war: ich bin zu alt für diesen Sch... .
Mein zweiter war: was soll das...
Und mein dritter war: Gott sei Dank habe ich das alles nicht mehr nötig.
So geschah mir mein persönliches "Waterloo", das mir doch ziemlich nachdrücklich meine Grenzen und Fähigkeiten aufzeigte, bei allem guten Willen.
Aber, was solls, packen wir diesen "Meilenstein" in unsere Sammlung und weiter geht´s. Mal sehen, wie weit ich diese Woche komme...

Zwischendurch bekamen wir den Link zur Vorlesung von Prof. Dr. Michael Herbst "Missionarische Kirchen- und Gemeindeentwicklung", die er im Jahr 2019 gehalten hat.
Das schöne an so einer aufgezeichneten Vorlesung ist, dass man sie anhalten kann und zurückfahren, um langsam mitschreiben oder noch einmal hinhören zu können.
Also, wer möchte:
https://grypstube.uni-greifswald.de/videos/watch/playlist/ac9a1c2a-7d3b-4d9f-954d-645c3e8cd2c9?playlistPosition=1

Der Titel dieser Vorlesung ist bereits Programm und skizziert das Spezielle der Greifswalder Theologie, die "erweckliche Theologie", also die Ausrichtung an der "missio dei":
- deswegen ist das "missionarisch" im Titel,
- deswegen wird auch von Kirche und gesprochen und nicht nur von Gemeinde.
- deswegen wird von Entwicklung gesprochen und nicht nur von Aufbau.

Diesem Ansatz nach werden die Grenzen der Parochie überschritten, die Ausrichtung allein auf die Gläubigen wird ausgedehnt auf die Kirchenferneren.
"Missio dei" bedeutet auch, Gott hat die Mission und nicht die Kirche, aber es gefällt ihm die Kirche als Werkzeug der Mission zu benutzen.
Der Dreischritt der Praktischen Theologie: "Wahrnehmen-Deuten-Handeln" wird in der Greifswalder Theologie um "Hoffnung", die alles umgibt, erweitert.
Und so ergeben sich während des Betreibens dieser Theologie interessante Fragen wie:
- Was ist eigentlich Kirche? Was ist eigentlich Gemeinde?
- Warum sollte es eigentlich Kirche geben, Gemeinden, Pfarrer und Pfarrerinnen?
- Was für ein Verständnis haben wir überhaupt von Kirche?
Es gibt ein theologisches Grundgeschehen, an dem sich Gemeinden erkennen, nämlich die Gegenwart Jesu Christi im Heiligen Geist, der in Wort und Sakrament Gemeinschaft stiftet. (CA 7 und Christus, der lebendige Herr, sind nicht verhandelbar.)

Was braucht eine Gemeinde, die neu gegründet werden soll?
- Zeit: Muss eine Gemeinde auf Dauer angelegt sein?
- Raum: Braucht die Gemeinde einen parochialen Raum?
- Wirklichkeit: In welcher Realität entsteht Gemeinde? Braucht sie physische Präsenz?
- Menschen: Mit wem? Für wen? Braucht sie Hauptamtliche? Geht sie ausschließlich zu Gläubigen?

Als Beispiel für Versuche, Kirche neu entstehen zu lassen, dienen u.a. die "Erprobungsräume" der EKM:
- in ihnen entsteht Kirche Jesu Christi neu,
- sie durchbrechen die volkskirchliche Logik an einer der folgenden Stellen: Parochie-Hauptamt-Kirchengebäude,
- sie erreichen die Unerreichten mit dem Evangelium,
- sie passen sich dem Kontext an und dienen ihm,
- in ihnen sind freiwillig Mitarbeitende an verantwortlicher Stelle eingebunden,
- sie erschließen auch alternative Finanzquellen,
- in ihnen nimmt Spiritualität einen weiten Raum.
Aus der Fülle an Informationen, Gedankengängen und Modellen nur einmal dieser kurze Ausflug in die Welt der Praktischen Theologie. Wer Lust hat, den verweise ich noch einmal auf die Vorlesung von Michael Herbst.

Nicht ganz so anstrengend sind weiterhin die Vorlesungen in KG und AT, die noch einmal in Erinnerung rufen, wie vielfältig und interessant das Theologiestudium war.
Aufklärung und Prophetie stehen auf dem Programm, für freitags habe ich noch eine Vorlesung "Das Matthäusevangelium" belegt.

Am Samstag war ich noch einmal touristisch unterwegs und bin nach Wolgast gefahren. Eine doch beeindruckende Stadt mit einer wirklich beeindruckenden Hebebrücke für Autos, Eisenbahn, Fahrradfahrer und Fußgänger über die Peene, die ich natürlich zu Fuß überqueren musste. So war ich am Wochenende in Usedom. Hätte ich auch nicht gedacht.

Unsere Gemeinschaft der Sabbaticals leidet natürlich auch unter den Hygienevor-schriften. Diese Woche haben wir uns nur am Mittwoch zur ersten Supervision getroffen und jetzt am Sonntag vereinzelt nur zu den Gottesdiensten, das ist uns einfach zu wenig. Vielleicht kann uns das IEEG einen Raum zur Verfügung stellen, in dem wir uns treffen können und/oder wir verabreden uns öfter zu Tandemspaziergängen.


Ja, eine spannende Woche ging zu Ende, eine neue Woche hat begonnen,


Ihnen und euch alles Gute, viele Grüße aus Greifswald, bleibt behütet!
Euer /Ihr

Michael Ehrlichmann
- Pfarrer -


Vierter Einblick 26. April - 2. Mai

"Rücksturz zur Erde"

   
Mein Arbeitsplatz Kapelle im "Haus der Stille" Weitenhagen, Greifswald



Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Leserinnen und Leser,

an diesem Wochenende unternahm ich einen kontrollierten "Rücksturz zur Erde" und begab mich aus den Höhen des Olymp von Forschung und Wissenschaft dorthin, wo die Menschen in ihrem Alltag darum bemüht sind, ihrer Arbeit nachzugehen und ihre Gesundheit zu behalten.
Ich bin sicher in Remda, Thüringen, Deutschland, Erde gelandet und erfreue mich des präsentischen Kontaktes mit Frau und Katzen. Man knuddelt ja sonst nichts...
Aber es wäre falsch anzunehmen, dass die Menschen an Uni und IEEG, inklusive der "Sabbatianer", vom Geschehen auf der Erde unberührt blieben.
Sparmaßnahmen das Personal betreffend, schlagen auch dort durch und in unserer Gruppe "menschelt´s". Auch wäre es falsch anzunehmen, dass man eine Gruppe von 12 "gestandenen" Pfarrerinnen und Pfarrer besser steuern könne als eine Gruppe Konfirmanden und man immer diesen hinterher telefonieren müsse, jenen aber nicht... In unserer Gruppe müssen jetzt nach der Anfangsphase unbedingt Prioritäten gesetzt und Interessen klar benannt werden. Wir hoffen, dass wir das in dieser Woche hinbekommen, denn die Zeit läuft; auch im Olymp.
Apropos Olymp: wie der Zufall es will, stoße ich doch bei der Lektüre der inzwischen aufgelaufenen Ausgaben von "G+H" auf Artikel, die ansatzweise genau das betreffen, was in der Kirchentheorie von M. Herbst angesprochen wurde.
"Mehr als ein Unternehmen" so lautet der Kommentar von Mirjam Petermann in der Ausgabe 16 vom 18. April. Sie kommentiert in ihrem Text die Bemühungen der EKM im Vorfeld der Synode um Reduzierung der Personaleinsätze durch effektiveres "foodmanagement" in ihren Tagungshäusern, wirft den Blick auf das überbordende Arbeitspensum der Synode und spricht zum Schluss noch das an, was Zoom mit seinen Kacheln eben nicht leisten kann und was uns Menschen auf die Dauer sicher krank macht (meine Meinung): "Doch da jeder allein vor seinem Bildschirm sitzen wird, gibt es wenig Möglichkeiten, Hintergründe zu erfahren, Allianzen zu schmieden, direkte Rückmeldungen zu geben. Die informellen Räume zwischen Toilettentür und Kaffeetasse übernehmen höchstens Whatsapp oder die Chatfunktion." Das wurde uns vor einigen Jahren schon einmal auf einem offiziellen Besuch im Reichstag gesagt: "Die echte Politik wird auf den Gängen gemacht."
Frau Petermann schließt ihren Kommentar mit den Worten: "Aber ob digital oder analog - verlässlich bleiben sollte, dass bei allen Überlegungen und Entscheidungen, nicht nur im Fall der Tagungshäuser, die Dinge nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern ganzheitlich betrachtet werden."
Recht hat sie: Kirche hat auch ihre unternehmerische Seite, sie ist aber eben nicht nur ein Unternehmen. Und so sind auch die betriebswirtschaftlichen Unternehmungen nicht beliebig, sondern müssen sich auch am Wort des lebendigen Herren der Kirche messen lassen.
Worte aus den Höhen des Olymp...
"Schützt die Institutionen!" mit dieser Schlagzeile bricht Daniel Schilling-Schön auf Seite 5 a.a.O. eine Lanze für das alte Schlachtross, das man "Institution" nennt.
In der Kirchentheorie wird dieses Modell inzwischen eher als zu alt und zu behäbig angesehen, um sich flexibel den modernen Änderungen in Welt, Kirche und Gesellschaft anpassen zu können. Kirche als "Organisation" erscheint da momentan die bessere Form. Dementsprechend überraschend sind die Worte, die Schilling-Schön trotz oder genau wegen des Wandels unserer Zeit findet und die möglicherweise die "Institution" einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.
Er zitiert einen befreundeten Professor aus Boston mit den Worten:
"Daniel, eine Institution, wie eure Kirche ist zwar schwerfällig und oft auch träge, aber damit bietet sie Widerstand gegen äußere Einflüsse. Wir würden uns freuen, wenn wir Kirchen hätten, die eine eigene Stimme innerhalb der Gesellschaft hätten. Wir würden uns freuen, wenn wir in Krisen mit einer starken Institution reagieren könnten. Schützt die Institutionen."
Ein denkbar starkes Votum für den Erhalt dessen, was sich im Laufe der Jahre eventuell als nützlich erwiesen haben könnte und bei all dem Ringen um neue Strukturen und Organisation ein Plädoyer vielleicht dafür, nicht auch noch das Kind mit dem Bade auszuschütten.

In der letzten Woche war neben dem ganzen Lernen besonders ein Veranstaltungspunkt wichtig für mich. Am Freitag haben wir uns zur Andacht wieder in der Kapelle im "Stillen Haus" getroffen, bevor es in Tandemspaziergängen weiterging.
"Wie sieht es eigentlich mit deiner persönlichen Spiritualität aus?", so lautete die Frage zur Andacht. "Schlecht, ganz schlecht", musste ich mir eingestehen. "Aber", so dachte ich mir, "wenn du mal in Rente gehst, hast du ja Zeit und kennst auch die Möglichkeiten, die dir deine thüringische Wahlheimat in Sachen Spiritualität bietet, du musst sie nur wahrnehmen." Irgendwie fand ich das beruhigend und scheint mir ein weiterer Baustein dafür zu sein, dass ich meine Rente selbstbestimmt und erfüllend werde angehen können und nicht vor Langeweile sterben.
Am Montag steige ich dann wieder auf in die Höhen des Olymp von Forschung und Wissenschaft. Ich nehme mit, dass einem die "Theorie" durchaus das zu erklären vermag, was einem der realexistierende Alltag so zumutet.


Das war´s für heute, Ihnen und euch alles Gute,
Viele Grüße aus Greifswald, bleibt behütet,

Michael Ehrlichmann
- Pfarrer -



Fünfter Einblick 3. Mai - 9. Mai

"Die Seele geht zu Fuß"

     
Johanneskirche Strand bei Stahlbrode
Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen



Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Leserinnen und Leser,

damit wir bei all dem Studieren im Olymp der Forschung und Wissenschaft nicht die Bodenhaftung verlieren, war an diesem Wochenende vom IEEG "Pilgern" angesagt.
Pilger/in = Pilgrim = Peregrino = per agrino = der/die jenseits des Ackers, der/die Fremde. (Hab´ ich wieder was gelernt)
Zur Einstimmung waren am Freitag in die Johanneskirche zwei Referenten geladen: zum einen Herr Pilgerpastor Bernd Lohse aus Hamburg und zum anderen der Nachfolger von Michael Herbst auf dem Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Uni Greifswald, Tobias Braune-Krickau.
Bernd Lohse ist seit 2008 Pilgerpastor und brennt aus vollem Herzen für das Pilgern, dieser Spielart evangelischer Spiritualität, die erst vor gar nicht so langer Zeit wiederentdeckt wurde. Er unterhält gute Kontakte nach Skandinavien und führt dort wie u.a. auch in Israel Pilgertouren durch.
In seinem Vortrag erinnerte Lohse daran, dass - "Pilgern", Wandern, unterwegs sein - schon immer eine große Rolle auch in den Erzählungen der biblischen Bücher gespielt hat. Von Adam und Eva, die aus dem Paradies hinaus in die Welt gesandt wurden, und Abraham, der losziehen sollte in ein Land, das Gott ihm zeigen würde, über das Volk Israel, das sich aufmachte in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, bis zu Jesus, der als Wanderprediger in Galiläa wirkte und seinen Jüngern, die er in die Welt sandte, und schließlich Paulus, der das Evangelium nach Europa brachte.
Zur Vorbereitung auf dieses Wochenende hatten wir Lektüre bekommen.
Hier einmal zwei Thesen aus Peter Zimmerling, "Pilgern heute - eine theologische und spirituelle Herausforderung an die Kirchen?" zum Thema Pilgern:
1. "Pilgern, erst recht Wallfahrten, sind nicht zuletzt Zeichen für die ungebrochene Vitalität der Volksfrömmigkeit. Meine These ist: Die Volksfrömmigkeit stellt eine legitime Ausdrucksform des evangelischen Glaubens dar. Sie ist theologisch eine Konsequenz der Inkarnation und anthropologisch eine Folge der Ganzheitlichkeit des Menschen."
2. "Jeder spirituelle Weg in die Nachfolge Jesu beinhaltet ein Stück von dessen Kreuzweg. Besonders der Hebräerbrief macht seine Adressaten deutlich, dass das Unterwegssein, dass die irdische Heimatlosigkeit, zum Schicksal der Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu Christi gehört. Trotz aller Anfechtungen sollten Sie auf ihrem Weg weitergehen im Vertrauen darauf, dass dieser Weg sein Ziel in der Ewigkeit hat."

Zusammenfassend haben laut Zimmerling folgende Umstände an der Bedeutung des "Pilgerns" genagt:
- Die Entdeckung der Bibel als alles andere überstrahlende Inspirationsquelle des Glaubens. Dies führte zu einem ungeheuren Traditionsabbruch.
- Die dialektische Theologie Karl Barths mit ihrer prinzipiellen Skepsis gegenüber jeglicher Volksfrömmigkeit einschließlich ihrer Symbole und Riten.
- Die Konzentration der reformatorischen Theologie auf Jesus Christus (solus Christus) ließ im Laufe der Zeit die Dimension des ersten Glaubensartikels, des Artikels von der Schöpfung, im Rahmen der evangelischen Spiritualität mehr und mehr zurücktreten. Die Natur wurde nicht mehr als Gottes Schöpfung wahrgenommen (... sondern als etwas, das es zu überwinden galt. ME)
- "Durch die Aufklärung kam es zu einer - auf René Descartes zurückgehende - Abwertung der res extensa auf Kosten der res cogitans, des Leibes auf Kosten des Denkens." Zitat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstehe?!

In seinem Aufsatz: "Kleines Plädoyer für evangelisches Pilgern" findet Peter Zimmerling 7 Gründe "für das Pilgern als eine wiedergewonnene Form protestantischer Spiritualität":
1. In einer erfahrungsarmen Alltagswelt bietet das Pilgern einen Freiraum für spirituelle Erfahrungen.
2. Das Pilgern erlaubt, Leib und Seele in die evangelische Spiritualität einzubeziehen.
3. Das Pilgern ermöglicht, spirituelle Erkenntnisse auf dem Weg leiblicher Erfahrung zu gewinnen.
4. Das Pilgern besitzt einen sozialen Aspekt. Es stellt ein zeitlich begrenztes Gemeinschaftsangebot dar.
5. Das Pilgern erlaubt, die Natur als Gottes Schöpfung wahrzunehmen.
6. Das Pilgern hilft evangelischer Spiritualität, den kontemplativen Aspekt neu zu erschließen. Wer pilgert gewinnt einen Freiraum von Alltagsverpflichtungen.
7. Beim Wandern erlebt sich der Mensch Tag für Tag als einer, der unterwegs ist. Das Pilgern erlaubt, den Moment der Übung in die evangelische Spiritualität zu integrieren.

Zimmerling resümiert:
"Weil das Pilgern viele Sehnsüchte des modernen Menschen zu beantworten vermag, ist es gegenwärtig so attraktiv - auch bei kirchlich distanzierten Zeitgenossen. Faszinierend ist, dass in Zusammenhang mit dem Pilgern die spirituelle Dimension vieler dieser modernen Sehnsüchte sichtbar wird. Gerade dadurch erweist es sich als eine zeitgemäße Form evangelischer Spiritualität."

Bernd Lohse bezeichnet 7 charakteristische Kennzeichen des Pilgerns:
1. Langsamkeit
2. Freiheit
3. Einfachheit
4. Stille
5. Unbekümmertheit
6. Gemeinschaft
7. Glaube

Tobias Braune- Krickau stellte dann in seinem Vortrag 6 Filme vor, die das Pilgern zum Thema haben; außen vor sind Roadmovies und Abenteuerfilme:

- Pilgern auf Französisch
- Brüder III
- Dein Weg
- Ich trage dich bis ans Ende der Welt
- Die Dienstagsfrauen
- Ich bin dann mal weg

Laut Braune-Krickau lässt sich als gemeinsames Motiv der Pilger und Pilgerinnen immer eine Lebens-/Sinnkrise ausmachen: Tod eines geliebten Menschen; Krankheit; neue Lebensabschnitte usw. Den typischen Pilger, die typische Pilgerin gibt es aber nicht. Immer erscheint Spiritualität/Religiosität als Horizont, den man als solche wahrnehmen kann, aber nicht muss. Es geschieht aber immer eine Transformation der Protagonistin/des Protagonisten.

So, das war die Theorie.
Am Samstag gings dann wirklich los, so richtig analog.
Das Wetter konnte besser nicht sein, Sonne pur, tolle Wolkenformationen, kaum ein leises Lüftchen, etwas wärmer, aber nicht zu heiß. Ideale Bedingungen zum Pilgern.
Wir trafen uns in Gristow, einem kleinen Örtchen mit großer Kirche direkt am Wasser.
Nach kurzer Andacht und vakultativer Turmbesteigung fuhren wir mit den Autos nach Stahlbrode, da hat´s einen Fähranlieger nach Rügen.
Von da ging es auf Schusters Rappen an der Küste entlang. Wir hielten mal hier mal da, der Herr Pilgerpastor Lohse sang und erklärte uns, dass wir die Wellen hören und unsere Knie spüren; manchmal liefen wir auch ganz langsam, um ganz langsam zu sein. Bei der Brücke (s.o.) lauschten wir der Natur beim Predigen. Im Gegenzug lobten wir ihren Schöpfer mit dem Rezitieren des Schöpfungspsalms. Den Moment, in dem unsere Beine und Füße immer schwerer wurden, hatte Uwe Hein gut abgepasst: es gab Kaffee und Tee, Apfel- und Kirschkuchen. Wieder einmal hatte er sich für uns schwer abgeschleppt; herzlichen Dank, lieber Uwe. An diesem Rastplatz befanden wir uns bereits in der Nähe einer großen Kormorankolonie, was unschwer an dem lauten Geschrei der Tiere zu erkennen war. Und dann ging es ganz schnell: plötzlich standen wir am Ziel dieser Pilger-Übung und vor der Umfriedung des ältesten erhaltenen jüdischen Friedhofs an der Ostseeküste, nördlich von Niederhof, Brandshagen. Nach erklärenden Worten - seit 1765 gab es eine jüdische Gemeinde in Stralsund, die dort aber keinen Friedhof anlegen durfte; ab 1776 bis 1850 benutzte sie deshalb diesen Ort auf privatem Grund - einem Gebet und einem Lied gingen wir zu dem dortigen Parkplatz und traten die Rückkehr nach Stahlbrode an. Zuvor dankten wir natürlich gebührlich dem Herrn Pilgerpastor Lohse für seine authentische und kompetente Begleitung, sowie Uwe Hein für die gelungene Organisation.
Ein wirklich gelungener und wunderschöner Pilger-Tag fand damit seinen Abschluss und damit ein sehr erbauliches Wochenende unter dem Thema "Pilgern".
Herzlichen Dank allen Beteiligten!

"Lobe den Herrn, meine Seele, Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt."


Das war´s für heute,
viele Grüße aus Greifswald,

bleiben Sie behütet,

M. Ehrlichmann
Greifswald2



Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Der Herr richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus.
Klagelieder 3,26 2. Thessalonicher 3,5

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