Konventsarbeit

Impulse zum Konvent am 26.4.2017 für die Mitarbeiter im Verkündigungsdienst


"Der christliche Auftrag an geflüchteten Muslimen"


1. Biblische Grundlagen

Grundsätzlich gilt für den Umgang mit Fremden und Flüchtlingen für uns als Kirche Jesu Christi und als einzelne Christen das Gebot der Schrift. In der Perikope vom Weltgericht ist es ein Kriterium der Nachfolge und Aufnahme in Gottes Reich, Fremde aufgenommen zu haben (Mt.25,35 b).

Grundlagen im Alten Testament

Das Alte Testament, als Grundlage des Zusammenlebens des Volkes Israel, kennt im Gegensatz zu den umliegenden Völkern einen umfassenden Schutz sowohl der im Lande wohnenden freien Ausländer als auch der Fremden, welche sich, zumeist aus wirtschaftlichen Gründen, zeitweilig beim Volk Israel aufhielten. Generell gilt für beide Gruppen, dass sie das gleiche Recht wie die israelitische Bevölkerung genossen. Sie konnten und sollten den Sabbat halten. Israeliten waren verpflichtet, bedürftige Ausländer ebenso zu unterstützen wie ihre Landsleute. Offenbar zählten Fremde, genau wie Witwen und Waisen zu den sozial Schwachen in Israel. Besonders der Schutz vor Ausbeutung und Übervorteilung steht im Alten Testament im Focus der Gesetze.

In wirtschaftlicher Hinsicht wurden die Landwirte angewiesen, ihre Anbauflächen nicht zu gründlich abzuernten um den Armen die Möglichkeit der eigenen Daseinsvorsorge zu ermöglichen. In der Verwendung des Zehnten, welcher für die Versorgung der Leviten diente, werden die Witwen, Waisen und Fremden ausdrücklich erwähnt.

Begründet wird diese Haltung z.B. mit dem Hinweis in der Erklärung zum dritten Gebot im 5. Buch Mose 5,15a: "Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der Herr, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand….

Grundlagen im Neuen Testament

Jesu Haltung zu den Fremden des Volkes Israel spiegelt sich in der Erzählung von der Heilung der Tochter der kanaanäischen Frau wieder. Nach dem Hinweis, dass er zu den "Schafen des Volkes Israel" gesandt sei, spricht Jesus der Frau auf Grund ihres Vertrauens die Heilung ihrer Tochter zu.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter stellt Jesus den verachteten Fremden als Vorbild für Nächstenliebe vor Augen.

Im Gleichnis zum Weltgericht ist die Parteinahme und Fürsorge für die Armen, Kranken und Gefangenen Kriterium des Eingangs in das Himmelreich.

Folgerichtig ist es im Matthäusevangelium der heidnische Hauptmann welcher die Gottessohnschaft Jesu bezeugt.
Die frühe Kirche und die ersten Christen haben sich als Pilger oder Auserwählte, die die zukünftige Statt suchen, verstanden. Nicht nur die Erwartung des Weltendes hat sie in ihrem Selbstverständnis, als auf dem Weg Seiende bewegt und geprägt. Es ist ein Aspekt, welcher, im Vorbild Abrahams, das Alte Testament mit dem Zeugnis des Neuen Testamentes verbindet.


2. Herausforderungen

Ein grundsätzliches Problem unserer gegenwärtigen Gespräche scheint mir zu sein, dass sich unsere Gesellschaft einer Gruppe von uns als indifferent erscheinenden muslimischen Glaubensgemeinschaften gegenüber erkennt. Den wenigsten sind die inneren Unterschiede der einzelnen Konfessionen vertraut. So wird die Frage nach den unterschiedlichen Anschauungen z.B. von Salafisten, Sunniten, Schiiten und Waahbiten in vielen Teilen der Diskussion gar nicht gestellt. Eine Herausforderung für uns könnte es sein, im Dialog diese Frage zu stellen.

In diesem Zusammenhang erscheint es unklar, welche Eigenheiten auf grundsätzliche Fragen des Islam und welche Phänomene auf kulturelle Prägungen zurückzuführen sind. Die gesellschaftliche Diskussion zur Kopftuchfrage und dem Burkaverbot belegt dies deutlich.

Fragen der Gleichberechtigung und des generellen Umgangs mit Frauen in der Gesellschaft scheinen eine weitere Herausforderung im Umgang mit muslimischen Gemeinschaften darzustellen.
Die größte Gefahr aus meiner Sicht ist die gesellschaftliche Wahrnehmung von Religion als etwas Negativem und der damit verbundene Ruf nach einer Verbannung der Religionen in das Private zu sein.


3. Chancen

Die gegenwärtige Diskussion hat Religion in ganz neuer Weise in den gesellschaftlichen Focus treten lassen.

Es ist eine Chance gesamtgesellschaftlich das, was uns unbedingt angeht, was unser Leben trägt und was unseren Glauben ausmacht, zur Sprache zu bringen.

Insofern erscheint ein Handeln aus der Nachfolge Christi das Gebot der Stunde zu sein. Nur so wird es möglich sein, eine einladende, im vollen Sinn missionarische Kirche sowohl für muslimische Gruppen, als auch für säkulare Teile unserer Gesellschaft zu sein.

Konkret kann dies heißen, für Fremde in ihren Rechten gegenüber der Gesellschaft einzutreten und dem Hilfsbedürftigen Hilfe zu sein.

Das macht uns als Christen aus. Das war die Geburtsstunde der Diakonie. Christen wurden von Anfang an daran erkannt. Dass sie sich um Bedürftige kümmerten. Schon vor den Toren Roms standen ihre Krankenhäuser. Elisabeth baute ihr Hospiz am Fuß der Wartburg. Unsere Diakonie berät und hilft in den schwierigen Tagen des Lebens. Sie fragt nicht nach Kirchenzugehörigkeit. Nicht nach Glauben. Menschen begegnen der Gegenwart Gottes.

Der Aufklärung des 18. Jahrhunderts haben wir mit Gotthold Ephraim Lessing den Hinweis zu verdanken, dass wir als Juden, Christen und Muslime unsere Wurzeln im Glauben Abrahams haben. Im diesem Sinn ist es unsere Herausforderung und Chance, die Wahrheit unseres Glaubens im Sichtbarmachen der Güte Gottes und der Hoffnung der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus deutlich werden zu lassen.

Michael Wegner


HERR, sei unser Arm alle Morgen, ja unser Heil zur Zeit der Trübsal! Dem, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit.
Jesaja 33,2 Epheser 3,20-21

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