17.01.2026
Gedanken zur Woche - Angedacht
„Du sollst fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat.“ Dtn 26,11
Ja, so war das damals, Mitte der Sechziger. Mein Opa kam mittags nach Hause, während meine Oma schon zwischen Spülbecken und Herd umherwuselte. Wie üblich griff er sich sein kleines Messer aus der Tischschublade, danach den Wetzstahl und nachdem das Messer nach ein paar Zügen dann eine für ihn genehme Schärfe hatte, schälte er bedächtig eine Kartoffel nach der anderen. Dabei trank er wie immer genüßlich seine Flasche Bier. Liebe Leute, das war eine Zufriedenheit, wie ich sie weder vor- noch nachher je erlebt habe und ich habe sie in mich aufgesogen wie ein Schwamm. Diese Zufriedenheit, diese Freude und Dankbarkeit an und für das pure Hier- und Jetzt- Sein-Dürfen hatte seinen Höhepunkt jedes Jahr zu Weihnachten, wenn sich die großen Flügeltüren des Wohnzimmers endlich öffneten, die Weihnachtslieder erklangen, und wir Kinder vom Glanz des Weihnachtsbaumes und der Gabentische überwältigt wurden. Aber wie gesagt, das war der Höhepunkt, was unser Leben damals ausmachte, war die schiere Freude und Lust gerade auch am alltäglichen Leben; für meine Oma und ihren ersten Enkel bedeutete das sehr oft: Kuchen und Schnitzel: Herrlich. Woher kam nur diese Lebensfreude, Zufriedenheit und Dankbarkeit? Ich habe lange gebraucht, bis ich es verstanden habe, wahrscheinlich vermuten Sie es schon: 2 große Bombenangriffe fegten damals über Dortmund hinweg, zweimal war die Familie meines Vaters ausgebombt. Nach dem zweiten Angriff hieß es: „Der August ist tot, er liegt da und da…! Meine Oma horchte kurz in sich hinein und sagte: „Nein, der August lebt.“ Schnell lief sie an den Ort des Geschehens und fand meinen Opa tatsächlich mitten unter den Toten liegend, aber siehe: er lebte! Mein Opa stand buchstäblich mitten von den Toten auf und kam zurück ins Leben. Das ist eine Erklärung für seine immer ruhige Freude und Dankbarkeit für alles, was sein Leben dann noch ausmachte: Endlich Frieden, Dach über dem Kopf, genug zu Essen und zu Trinken, Arbeit, Ofen, Familie und ein erster Enkel: Herz, was willst du mehr! Wie wenig braucht es für ein glückliches und zufriedenes Leben und wieviel bedeutet das. Mein Opa hätte wohl nur den Kopf geschüttelt ob all des Krams, mit dem wir uns heute abschleppen; nicht verstanden hätte er wohl auch die Menschen der heutigen Gesellschaft, die permanent auf ihre Handys starrend am Leben vorbeilaufen… bis sie ihnen durch Unfall oder Krankheit gewaltsam aus den Händen gerissen werden. Sehr oft erleben die Betroffenen erst dann die Freude und Dankbarkeit an den und für die kleinen alltäglichen Dinge des Lebens und möchten sehr oft in der Folge ihre Schicksalsschläge auch nicht mehr missen.
Danke Opa, dass ich an deinem Leben teilnehmen durfte… und lernen für meins.
Bleiben Sie behütet,
M. Ehrlichmann, Pfr.i.R.
Pfarramtsassistent