15.11.2025
Gedanken zum Volkstrauertag 2025
Trauern wir noch? Als Einzelne und als Volk?
Und was ist eigentlich trauern? Was löst den Schmerz aus? Nur die Angst vor dem Alleinsein oder ist es mehr? Vielleicht kommt in der Trauer die Liebe zurück zu uns, die wir gegeben haben. Je mehr Liebe war, umso größer die Trauer. Für mich ein schöner Gedanke der mich tröstet.
Wenn ich an diesem Sonntag der Opfer der Gewaltherrschaft gedenke, sind es auch Menschen aus meiner Familie derer gedacht wird. Mein Großvater, zwei meiner direkten Onkel, der Großvater meiner Frau und viele Väter und Söhne aus dem weiteren Verwandtenkreis.
Ich kannte sie nicht. Sie begegnen mir in den Geschichten, die meine Mutter und Großmütter erzählt haben. In diesen Geschichten spüre ich viel Wärme und Liebe, Traurigkeit und gleichzeitig Dankbarkeit. Vielleicht ist es die Verbundenheit zu meiner Mutter und Großmutter, die mich auch jenen Menschen nahe sein lässt.
Es werden immer weniger Menschen, denen ich an diesem Tag begegne, die noch jene gekannt haben, welche auf den Tafeln der Kriegsopfer stehen.
Wie trauere ich und wie trauern wir als Volk? Mit markigen Worten die an das „Nie wieder Krieg“ der Nachkriegszeit anknüpfen? Mir reicht das nicht.
Wenn ich meine Söhne und Enkel ansehe und mir der Gedanke kommt, dass sie in den Krieg ziehen und vielleicht darin umkommen würden, ist das so furchtbar, dass ich meine Fantasie stoppe und mir das gar nicht vorstellen möchte.
Mein Großvater ist in Finnland begraben. Die anderen liegen in Rumänien und den Weiten der russischen Steppe. Was hat sie dahin gebracht? Ich kann in den Ruf nach „Kriegstüchtigkeit“ nicht einstimmen. Natürlich ist es notwendig, unser Land und seine Menschen vor Angriffen zu schützen. Aber bitte nicht wieder im fernen Osten, bitte nicht in Afrika und auch nicht im Pazifik.
Die Auslandseinsätze der Bundeswehr waren, ausgenommen der Friedenssicherung auf dem Balkan, keine Erfolgsgeschichten.
Ich will „friedenstüchtig“ werden. Die Bibel fragt uns, was wir tun, um den Frieden zu suchen. „Seelig sind, die Frieden stiften… suchet den Frieden und jagt ihm nach.“ Echte Trauer bedeutet für mich auch Umkehr von den Wegen, die die Männer meiner Familie nach Finnland und Russland geführt haben. Ich will den Frieden suchen. Nicht nur im Großen, sondern auch mit meinen Nachbarn und den Menschen, denen ich in meinem Alltag begegne. Das der Mensch nicht mehr Opfer des Menschen werde. Das die Blumen an den Tafeln der Kriegsopfer Zeichen des Friedens bleiben.
Michael Wegner